Oder: Kann man Turnierpferde in einem Offenstall halten?

Das sind zentrale Fragen, die sich Turnierreiter stellen, wenn sie mit dem Konzept der Gruppenhaltung in Berührung kommen. Und gleich tauchen bei vielen noch zahlreiche weitere Fragen im Kopf auf: Wie hoch ist das Verletzungsrisiko? Sind die Pferde dann überhaupt noch motiviert zu arbeiten? Wie soll denn das im Winter gehen?

Vor 4,5 Jahren habe ich mit meinem Sportpferd den Umzug gewagt. Und ich kann aus heutiger Sicht sagen, dass es definitiv eine der besten Entscheidungen war, die ich in meinem bisherigen Reiterleben getroffen habe. Doch wie kam es zu der Entscheidung und was sind die Erfahrungen?

Ich muss zugeben, dass ich damals keinen Offenstall gesucht habe. Ich habe einfach einen Stall gesucht, zu dem ich nicht mehr so weit fahren muss. Wichtig war mir, dass es meinem Pferd haltungsmäßig genau so gut geht wie bisher, wo er tagsüber in der Regel zwischen 6 und 12 Stunden auf der Koppel mit einem oder zwei Kumpels war. Und dass die Bedingungen gegeben sind, dass ich ein bisschen sportlich trainieren kann. Ein winterharter Reitplatz hätte mir hier vollkommen gereicht. Mehr wollte ich nicht.

Leider war dies aber wohl doch schon zu viel. Ich habe mir alle Ställe in der Umgebung angeschaut und bei keinem habe ich innerlich wirklich gesagt „passt“. Also doch weiterhin die 45 min Autofahrt pro Weg? Bei Job, Familie und Richterei ist es immer seltener geworden, dass ich selbst noch dazu kam, in den Sattel zu steigen. Es war eine Zwickmühle.

Dann habe ich zufällig erfahren, dass irgendwo im Umkreis gerade ein Aktivoffenstall gebaut wird. Wesentlich genauer war die Beschreibung der Lage des Stalls nicht und meine Vorstellung davon, was ein Aktivoffenstall ist auch nicht. Nachdem ich ein bisschen gegoogelt hatte und das Konzept „gar nicht so schlecht fand“, habe ich mich ins Auto gesetzt und gesucht. Und ich habe ihn gefunden. Es war alles noch nicht fertig, aber ich konnte mir sofort vorstellen, dass hier sowohl mein Pferd als auch ich glücklich werden.

Für die Pferde besteht das Konzept aus viel Lauffläche, zahlreichen Raufutterstationen, einem Kraftfutterautomat, mehreren Ruhebereiche, einer winterharten Selbsttränke, im Sommer Koppeln und das Ganze in doppelter Ausführung, damit Stuten und Wallache in getrennten Herden leben können und die Rangeleien nicht über Hand nehmen. Für mich sollte es eine Reithalle, einen 20 x 60 und 20 x 40 Platz sowie einen Longierzirkel geben. Außerdem eine beheizte Sattelkammer. Wahnsinn! Und für den Fall, dass ein Pferd mal krank ist waren im Innenbereich 10 „normale“ Boxen vorgesehen. Für Notfälle war also definitiv auch vorgesorgt. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es natürlich trotzdem: da der Stall in Stadt- und Industriegebietsnähe ist, ist das Ausreitgelände recht bescheiden. Aber gut – dafür könnte mein Pferd den ganzen Tag draußen leben, und ich hätte tolle Trainingsbedingungen. Das war also für mich nicht wirklich ein Argument dagegen. Ein gutes halbes Jahr mussten wir noch warten, aber mitten im Sommer war dann soweit erstmal alles fertig und wir konnten einziehen.

Und 4,5 Jahre und 4 Winter später kann ich sagen: es ist toll. Mein Pferd lebt im Paradies, ist entspannt und ausgeglichen und hat täglich seine grundlegende Bewegung. Er ist nach wie vor noch genau so motiviert zu arbeiten, wie er es während der Boxenhaltung war. Aber ich bin viel entspannter! Das Wesentliche, was sich für mich geändert hat ist, dass ich mir keine Gedanken mehr machen muss, wenn ich es mal nicht in den Stall schaffe. Weil ich ein Seminar gebe, richten bin oder ein Kind krank ist. Denn: das Pferd „muss“ nicht aus der Box raus. Er  lebt draußen. Es hat auch wirklich lange gebraucht zu verinnerlichen, dass ich meine Urlaubsplanung nicht mit anderen aus dem Stall oder meiner Reitbeteiligung im Vorfeld abstimmen sollte, denn: er bewegt sich kontinuierlich. Egal ob ich da bin oder im Urlaub. Das ist unglaublich entspannend.

Aber nun bin ich euch noch die Beantwortung der Fragen der Einleitung und ein paar mehr schuldig ?. Das mache ich natürlich gerne! Solltet ihr darüber hinaus noch Fragen haben, freue ich mich über eure Kommentare!

 

Hier also die F&A (Fragen und Antworten) zum Thema Turnierpferd im Offenstall für Euch zusammengefasst:

 

  • Kann man ein Turnierpferd im Offenstall halten?

Generell ja. Ich, sowie auch weitere Turnierreiter im Stall haben keine Schwierigkeiten. In meinen Augen gibt es da keine Unterschiede zwischen Turnier- und Freizeitpferden.

Allerdings muss man sagen, dass es tatsächlich Pferde gibt, denen die große Gruppe zu viel Stress bereitet. Eine Lösung können dann kleine Untergruppen (z.B. auch zur Raufutteraufnahme und zum Ruhen) sein, in die die Pferde täglich gestellt werden können. Und eine Ausnahme gilt für alte Pferde, die ihr ganzes Leben lang in einer Box gehalten wurden. Hier kann es wirklich sein, das sie sich in der Herde nicht wohl fühlen und es für sie Stress bereitet immer draußen zu sein.

Wir im Stall haben für zwei Pferde die Lösung gefunden, dass sie Nachts eine Box beziehen können und tagsüber in der Herde sind. Das klappt sehr gut.

Ich denke einen Versuch ist es mit jedem Pferd wert, bei den allermeisten klappt es prima!

 

  • Sinkt die Arbeitsmotivation?

Nein, definitiv nicht. Klar ist die Motivation an besonders heißen Tagen zu arbeiten nicht besonders hoch. Ebenfalls nicht am 5. oder 6. intensiven Trainingstag. Das hat aber nichts mit der Haltung zu tun sondern ist bei Boxenpferden ganz genau so zu beobachten. Und dann ist einfach auch mal eine Trainingspause angesagt. Danach geht es wieder besser – ganz bestimmt!

 

  • Wie hoch ist das Verletzungsrisiko?

Wichtig ist eine schonende Eigewöhnung der neuen Herdenmitglieder. Bei uns wird dies über eine abgezäunte Fläche im Offenstall über mehrere Tage/Wochen hinweg gelöst. So können „die Neuen“ die Herde kennenlernen und die Rangordnung beobachten, ohne dass es sofort zu Rangkämpfen kommen kann. Wie lange diese Eingewöhnungsphase dauert ist wirklich von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Aber bei uns wird lieber 2 oder 3 Tage länger gewartet, als es zu früh zu versuchen.

Nach der Eingewöhnung kann ich durch die geschlechtergetrennte Haltung bei uns keinerlei größeres Risiko als bei sporadischem Koppelgang feststellen. Im Gegenteil: Phlegmonen und Koliken sind, durch die kontinuierliche Bewegungsmöglichkeit, bei uns so gut wie ausgestorben. Mal eine Schramme kommt vor, das ist klar. Aber selbst reine Boxenhaltung kann diese nicht ausschließen…

 

  • Bekommt mein Pferd genügend zu fressen?

In der Regel wird das Kraftfutter in Aktivoffenställen über Automaten gefüttert. Diese erkennen jedes Pferd individuell und teilen dementsprechend die Tagesration über mehrere kleine Mengen täglich zu.

Wichtig für die Kraftfutteraufnahme ist, dass das fressende Pferd in Ruhe sein Futter zu sich nehmen kann. Dass also ein ranghöheres Pferd ein Rangniederes nicht vom Trog verdrängen kann. Hier gibt es aber gut funktionierende Technik, die das sicher stellt.

Beim Raufutter gibt es verschiedene Modelle (Automat, zur freien Verfügung etc.). Hier sollte es, sofern kein Automat eingesetzt wird, genügend Raufutterstationen geben, damit nicht die ranghohen Pferde den Platz an der Raufe für sich alleine beanspruchen.

 

  • Wie geht das mit Sportpferden im Winter?

Problemlos. Entweder man fährt die Arbeit im Winter etwas zurück und lässt das nach der Arbeit noch feuchte Pferd gut abschwitzen. Oder aber – und so mache ich es – scheren und zwei unterschiedlich dicke Decken verwenden (einmal ohne Innenfutter für wirklich warme Tage, eine mit 300 g für den Winter).

Ich muss zugeben, dass das der Punkt war, über den ich mir vor dem Einzug die meisten Gedanken gemacht habe. Es ist aber komplett unproblematisch. Wichtig sind natürlich wirklich reißfeste und dichte Decken. Sehr gute Erfahrungen habe ich hierbei mit ballistischem Nylon gemacht. Meine erste Decke aus diesem Material ist jetzt 4 Jahre alt und nach wie vor wirklich top in Schuss.

 

  • Überleben Mähnenzöpfe eine Nacht mit Mitbewohnern?

Kann sein. Muss aber nicht ?. Das ist in der Tat die einzige Einschränkung, die ich machen muss und wo ich sagen kann: das war in der Box besser. Manchmal hält es, manchmal auch nicht. Und ich bin ganz ehrlich – es geht noch schlimmer: manchmal sieht das Pferd vor dem Turnierstart aus „wie aus dem Ei gepellt“, aber ich habe auch schon ein „Schlammschwein“ am Turniermorgen vorgefunden.

Daraufhin hatte ich überlegt, ob ich ihn dann einfach in der Nacht vor dem Turnier in eine unserer Boxen stelle. Aber bei der Vorstellung wie schlecht gelaunt er dann morgens wäre, habe ich den Gedanken wieder verworfen. Stattdessen hat er eine dichte Fliegendecke mit Halsteil für den Sommer bekommen, die ich jetzt immer am Tag vor dem Turnier auflege. Und ich stehe für den „Worst Case“ 30 min früher auf.

Aber mal ehrlich: ein täglich glückliches Pferd und meine tägliche innere Ruhe ist mir das absolut wert! ?

 

Argumente für die Haltung im (Aktiv-)Offenstall

  • Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse des Pferdes (kontinuierliche Nahrungsaufnahme und Bewegung, Sozialkontakte)

  • Große Ausgeglichenheit des Pferdes

  • Vorhandene Grundkondition durch 24/7 Bewegungsmöglichkeit

  • Hervorragende Vereinbarkeit von Familie/Beruf und Hobby

  • Mentale Entspannung als Pferdehalter, weil es dem Pferd einfach gut geht

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5 Kommentare

  1. Estrich

    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

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